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Schießen mit der "Wilden Hilde" Eine Seltenheit: So wurden Bad Iburger zu Böllerschützen

Text und Fotos Von Alexander Heim


In Großbritannien hat es eine lange Tradition. Ob die Königin Geburtstag hat, ein königliches Baby geboren wird oder ein Mitglied der Königsfamilie verstirbt – stets wird das Ereignis von Salutschüssen begleitet. Auch beim Schützenfest in Bad Iburg könnte zukünftig geböllert werden.


Ein wenig stolz ist Silvio Motzkus aus Bad Iburg schon, als er die kleine Böller-Kanone präsentiert. Unbenutzt zeigt sich der Holzschaft aus poliertem Nussbaum. Glänzend ist der silbrige Lauf. Ein wenig erinnert das Schussgerät an ein gänzlich zu kurz geratenes Gewehr.

„Die Wilde Hilde“ hält der Schießsportleiter des Schützenvereins Bad Iburg dabei im Arm. Schließlich werden Böller getauft. Und die Wilde Hilde hat es, trotz gerade einmal acht Kilogramm Gewicht, durchaus in sich. Denn wenn Hilde fachgerecht geladen und dann abgefeuert wird, macht sie entsprechenden Lärm.


Eigens für die Iburger Schützen gefertigt: Aus Bayern kommen die fünf Böller aus Nussbaum und Edelstahl.





Künftig Schützenfest mit Böllern


Sie ist eine von fünf Böllern, die die Kanoniere des Schützenvereins beim Böllermacher Richard Stangassinger in Berchtesgarden fertigen ließ. Seit August gehören diese nun zum Inventar des Vereins. Die Gruppe um Wolfgang Müller, Andreas Darnauer, Ralf Lüders sowie Catharina und Silvio Motzkus hat sich im März 2020 gegründet und ist damit die jüngste Einheit im Traditionsverein von 1869.

Damit ihre Idee, das Schützenfest in Bad Iburg künftig um das Böllern zu bereichern, auch gelingen kann, mussten die fünf allerdings zunächst die Schulbank drücken. Um mit dem Schießgerät, einem sogenannten Schaft-Böller, fachgerecht umgehen möchte, brauchen sie einen Böllerschein.

Unterricht im Böllern


Genau an der Stelle kommt Klaus-Peter Spyra ins Spiel. Der Borgholzhausener ist nicht nur Sachverständiger für historische Waffen und Bundesvorsitzender der Waffen-Sachkunde-Prüfer. Der passionierte Jäger erteilt auch Unterricht in Waffen-Sachkunde. Sport-Schützen gehören dabei ebenso zu seinen Teilnehmern wie Mitarbeiter im Sicherheitsdienst oder Wachpersonal.

„Ich bin der einzige Pazifist, der Interesse an Waffen hat“, verrät er lachend über sich selbst. „Mein Vater war Soldat“, erzählt er dann. „Von ihm habe ich seine Waffen gezeigt bekommen.“ Und ein Buch fiel dem jungen Klaus-Peter Spyra in die Hände. „Das habe ich von vorne bis hinten durchgelesen“. Sein Ziel als Jugendlicher war es dabei, die Waffen des Vaters zu identifizieren. „Alles, was es dazu gab, habe ich gelesen“. So begann sein Interesse an der Technik und Historie der Waffen.


Sicherheit beim Böllern


Neue Errungenschaften in der Waffentechnologie haben ganze Kriege mitentschieden, ist der 64-Jährige überzeugt: „Zum Beispiel das preußische Zündnadel-Gewehr von Johann Nikolaus von Dreyse aus Sömmerda im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71“. Die Soldaten konnten ihre Gewehre im Liegen neu beladen. „Sie standen damit nicht mehr als Ziele da.“


„Es geht mir um die Technik“, macht Klaus-Peter Spyra deutlich. Und stellt klar: „Gewalt lehne ich komplett ab.“ Auch für seine Kurse gilt ein ehernes Gesetz: „Alle Kurs-Teilnehmer werden überprüft.“ Jeder muss eine Unbedenklichkeits-Bescheinigung beibringen. Der Fokus in seinen Kursen? „Sicherheit, Sicherheit und nochmals Sicherheit“, erklärt Klaus-Peter Spyra.


Das lernten die Schützen aus Bad Iburg


Und so wurden auch die Kanoniere aus Bad Iburg geschult, welcher Sicherheitsabstand von Zuschauern zu den Böllern und möglichen Kanonen einzuhalten ist. Das Verhalten bei etwaigen Fehlzündungen, das Tragen eines Gehörschutzes, Rechtsvorschriften rund um den Schaftböller sowie die Aufbewahrung, den Transport und natürlich das fachmännische Laden haben die Schützen gelernt. Immerhin: 20 Millimeter Durchmesser hat so ein Böller. Gefüllt wird er mit 30 Gramm Pulverladung.


Da ist Handarbeit gefragt: Klaus-Peter Spyra und Silvio Motzkus führen vor, wie die Werkzeuge in der Anwendung genutzt würden.


Für das Foto wurde der Böller nicht wirklich geladen. Foto: Alexander Heim



40 Fragen gilt es am Ende der theoretischen Teile in einer Prüfung zu beantworten.

„Man darf dabei nicht viele Fehler machen“, stellt Spyra heraus.


Böller-Kurse


Wie oft er überhaupt Böller-Kurse gibt? „Maximal einmal im Jahr“, erzählt der Experte, der hauptberuflich als kaufmännischer Angestellter arbeitet. Die meisten seiner zehn jährlichen Kurse in Waffensachkunde oder zum Thema „Vorder- und Wiederlader“ gibt er auf der Schießsportanlage „Rifle Ranch“ in Borgholzhausen. „Auf Abruf fahre ich auch schon mal woanders hin“, verrät er.


Bad Iburgs Vereins-Sportleiter Silvio Motzkus betont: „Man darf dabei keinen Blödsinn im Kopf haben.“ Und: „Wir müssen diese schöne Tradition bewahren.“ Die Böllerschützen sind damit nun auch selbst etwas ganz Besonderes. Denn bisher sind die Bad Iburger die einzigen Böllerschützen im gesamten Westfälischen Schützenbund.


Das nächste Ziel haben die 14 Kanoniere bereits vor Augen. Gerne möchten sie sich eine Feldkanone anschaffen. Bei den Schützenfesten könnte es also fortan lauter werden. Und der Salut dient dann ebenfalls ihren Majestäten, wenngleich wohl eher nicht der Königin von England.




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